"Die Zukunft der Tagespflege für Menschen mit Demenz - Potenziale und Perspektiven" – große Resonanz und reger Austausch

Am 3. Dezember 2025 luden die Geschäftsstelle Nationale Demenzstrategie, der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), die Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsverbände (BAGFW) und der Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe (VDAB) zu einer Informations- und Austauschveranstaltung zur Zukunft der Tagespflege ein, an der 30 Personen in Präsenz und fast 300 Personen online teilnahmen. Veranstaltungsort war das Bundesministerium für Gesundheit (BMG), vertreten durch Dr. Albert Kern. Anwesend war außerdem Sven Paul vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Die Resonanz zeigte das große Interesse und den Bedarf an Wissens- und Erfahrungsaustausch sowie innovativen Konzepten.
Ausgangspunkt für die Veranstaltung war die Maßnahme 2.6.5 Ausweitung und flexiblere Öffnungszeiten der teilstationären Betreuungsangebote der Nationalen Demenzstrategie, in der sich die oben genannten Akteure dafür einsetzen, das Angebot teilstationärer Pflege bedarfsorientiert auszubauen und flexiblere Öffnungszeiten von teilstationären Pflegeeinrichtungen anzubieten, beispielsweise zu Abend- und Nachtzeiten, am Wochenende und an Feiertagen. Zu diesem Zweck wurden Vertreter*innen aus drei Einrichtungen eingeladen, um über ihre Erfahrungen, Forschungsergebnisse, praktische Arbeit und jeweiligen Konzepte zu berichten. Die an der Maßnahme beteiligten Akteure haben die Veranstaltung nicht nur organisiert, sondern waren ebenfalls vor Ort: Elisabeth Baum, Referentin beim bpa, Barbara Boos Referentin beim Paritätischen Gesamtverband und Vertreterin der BAGfW und Constantin Sträter, Referent beim VDAB.
Nach kurzer Begrüßung durch Susanne Günter von der Geschäftsstelle Nationale Demenzstrategie und die Geschäftsstellenleiterin Astrid Lärm ordnete Barbara Boos (Paritätischer Gesamtverband/BAGFW) die Bedeutung der Tagespflege für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen anhand aktueller Versorgungsdaten ein. Trotz eines deutlichen Ausbaus der Plätze und Standorte in den letzten Jahren stagniert der Anteil der Pflegebedürftigen, die Tagespflege nutzen – insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände gibt es erhebliche strukturelle Herausforderungen, vor allem bei der Finanzierung nicht pflegebedingter Kosten, der Auslastung kleiner Einrichtungen sowie bei Fahrdiensten und Angeboten der Nachtpflege. Nachtpflege hat sich bislang kaum etabliert und gilt unter den aktuellen Rahmenbedingungen als wirtschaftlich nicht tragfähig. Um die Tagespflege flexibler, wirtschaftlich stabiler und bedarfsgerechter weiterzuentwickeln, bedürfe es konkreter Reformen im SGB XI.
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Überraschend waren vielleicht die von Albert Kern (BMG) in seinem Grußwort genannten Zahlen: Berücksichtigt man sowohl die Schließungen als auch die Neueröffnungen, dann ist die Zahl der Tagespflegeinrichtungen und Tagespflegeplätze zwischen Januar und September 2025 insgesamt um 67 beziehungsweise 1.500 gestiegen (pflegemarkt.com). Ob diese Entwicklung ausreicht kann nur mit Blick auf den vorhandenen Bedarf beurteilt werden. Hier überrascht, dass den offiziellen Zahlen zufolge nur 4 % der anspruchsberechtigen Personen eine Tagespflegeeinrichtung nutzen. Ein differenzierter Blick zeigt, dass pflegende Angehörige von Pflegebedürftigen mit Demenz mit einer sechsfach erhöhten Wahrscheinlichkeit Tagespflegeangebote in Anspruch nahmen im Vergleich zu pflegenden Angehörigen von Pflegebedürftigen ohne Demenz. Das dürfte mit den großen Belastungen für die Pflege von Menschen mit Demenz durch die Angehörigen zusammenhängen. Mit Blick auf den Bedarf ist zudem interessant, dass einer Studie in Bayern zufolge mehr als zwei Drittel der pflegenden Angehörigen weder gegenwärtig noch künftig Tagespflegeangebote nutzen wollten. Albert Kern lud zum Schluss seines Grußwortes dazu ein, das Thema Digitalisierung und ihren tatsächlichen und potenziellen Nutzen in der Pflege eng zu verfolgen. Zuletzt verwies er auf den Zukunftspakt Pflege: Am 11. Dezember 2025 hat Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die wichtigsten Ergebnisse der Bund-Länder-AG zur sozialen Pflegeversicherung als Grundlage für eine Gesetzgebung im Jahr 2026 vorgestellt.
Nach diesen einführenden Worten folgten vier Vorträge von geladenen Expert*innen und Praktiker*innen.
Prof. Dr. Christa Büker von der Hochschule Bielefeld berichtete über das Förderprojekt "Weiterentwicklung und Qualitätsverbesserung von Tagespflege für ältere Menschen in NRW" (2020-2022), das Faktoren der Inanspruchnahme in NRW identifiziert, Profile und Konzepte von Einrichtungen sowie positive Effekte von Tagespflege erfasst und sich mit den Rahmenbedingungen beschäftigt hat, um auf dieser Basis Qualitätskriterien zu entwickeln. Hemmende Faktoren für die Inanspruchnahme seien mangelndes Wissen, die Angst vor finanziellen Belastungen oder Stigmatisierung sowie bürokratische Hürden. Herausfordernd für die Einrichtungen sind Ausfallzeiten, hoher Beratungsbedarf, Personalmangel und Finanzierungsfragen. Gleichzeitig berge Tagespflege noch ein großes, zum Teil unausgeschöpftes Potenzial. Die von der Forschergruppe entwickelten "Impulse zur Gestaltung von Tagespflege" sind online oder als Broschüre erhältlich.
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Sonja Brandner und Christian Schmidt von wohlBEDACHT e.V. sprachen über ihre Pflege-Einrichtungen in München: Demenz-WGs mit flexibler Tages- und Nachtpflege, eingebettet in einen kooperierenden Projekteverein. Krisendienst, Kulturhäppchen, offene Angehörigengruppen, eine "Beratungsstelle Seltene Demenzerkrankungen" und ein Fortbildungsbereich befinden sich in direkter Nachbarschaft. wohlBEDACHT ist spezialisiert auf fortgeschrittene Stadien und seltene Formen von Demenz. Entgegen den besonderen Herausforderungen setzt der Verein in der Betreuung auf "Freiheit vor Sicherheit". Gleichzeitig sieht er sich in der Rolle, Krisen in familiären Betreuungssituationen (Polizei- und Notdiensteinsätze, psychiatrische Einweisungen) vorzubeugen. Der Verein wohlBEDACHT geht bei seinem kombinierten Angebot von Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege neue, wirkungsvolle Wege und bemüht sich, anderen Einrichtungen mit Nachtpflegeangebot Informationen zur Verfügung zu stellen.
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Im Anschluss stellte Kristina Lind vom Caritasverband für den Kreis Coesfeld e.V. (NRW) ihr Demenzkonzept vor: Wissen, Kommunikation und das Angebot selbst sind die Schlüssel, verbunden mit einer bestimmten Wertschätzung, Akzeptanz und Haltung. In Tagespflege-Einrichtungen, die sich das Demenzkonzept sowie ein breiteres Wissen zu allen Formen von Demenz zu eigen gemacht haben, herrsche ein gesteigertes Sicherheitsgehfühl und eine verbesserte Betreuungsqualität. Des Weiteren berichtete Kristina Lind von den positiven Effekten digitaler Geräte und Anwendungen für die Tagespflegegäste, und von der Arbeit mit individuell mit den Tagespflegegästen angefertigten Erinnerungsalben. In Zukunft schätzt sie unter anderem die Ausweitung von Sozialstationen, die Netzwerk- und Kooperationsarbeit von Tagespflegeeinrichtungen sowie die flächendeckende Vermittlung der Integrativen Validation nach Nicole Richard als besonders wichtig ein.
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Zu guter Letzt berichtet Heike Schwabe von ihrer Einrichtung "Landpartie Tagespflege, Fintel" in Niedersachsen, in der das Konzept hin zur teilsegregativen Tagespflege geändert wurde. Diese fördert die Integration von Menschen mit Demenz unter Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten. Zu den Herausforderungen der Einrichtung im ländlichen Raum gehört die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten und Fachärzten. Die Tagespflege werde nicht selten Zeuge von Pflegedefiziten bis hin zu Übergriffen auf Pflegebedürftige in deren eigenen vier Wänden und sei gezwungen, "als Polizei" zu agieren. Finanziell am schwierigsten seien Ausfalltage, insbesondere bei vielen Besuchstagen pro Woche, sowie Zahlungsverzögerungen bei den Kostenträgern.
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Anschließend blieb noch eine gute Stunde für die Diskussion. Auch Fragen und Beiträge der online zugeschalteten Teilnehmer*innen wurden aufgegriffen. Hier ging es insbesondere um Erfahrungen, Tipps und Tricks im Alltag der Tagespflege. Besonders diskutiert wurden die Themen häusliche Gewalt gegen Pflegebedürftige, Personalprobleme, die Zusammenarbeit mit Hausärzten, Outreach und Sozialraumorientierung der Einrichtungen, Unwissen über Beratungs- und Betreuungsangebote sowie Finanzierungshilfen, Unterschiede zwischen Stadt und Land (weshalb nicht ein Angebotsstandard für alle Örtlichkeiten gelten könne), Fahrdienstprobleme und damit zusammenhängend unzeitgemäße Rahmenverträge, Ausfallregelungen und -pauschalen und die Kumulierbarkeit von Tagespflegebudgets, ähnlich den Entlastungsleistungen.
Unbestritten ist, dass die Tagespflege für pflegende An- und Zugehörige eine wertvolle und dringend benötigte Entlastung darstellt. Es wurde mehrfach betont, dass familiäre Pflege nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden darf. Gleichzeitig stellt Tagespflege für Menschen mit Demenz eine wichtige und wirksame nicht-medikamentöse Behandlung dar. Dass Entlastungsangebote bislang nicht immer in dem Maße genutzt werden, wie es möglich wäre, ist häufig auf Informationsdefizite, Sorgen hinsichtlich finanzieller Belastungen oder auf Stigmatisierung zurückzuführen – ebenso jedoch auf ausbaufähige Strukturen in der Praxis. Hier liegt zugleich eine große Chance: Durch eine gezielte Weiterentwicklung der Praxis und eine bedarfsgerechte Flexibilisierung der Angebote kann die Tagespflege deutlich an Attraktivität und Wirksamkeit gewinnen. Dabei gilt es, eine gute Balance zu wahren. Entlastungsangebote sollten flexibel gestaltet werden, ohne die Bedürfnisse und das Wohl von Menschen mit Demenz aus dem Blick zu verlieren. Fragen der Finanzierung, der fairen Ausgestaltung von Eigenanteilen sowie des verantwortungsvollen Umgangs mit dem Vermögen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen bieten wichtige Ansatzpunkte für einen weiterführenden Dialog. Ein regelmäßiger Austausch hierzu wird von den Teilnehmenden ausdrücklich begrüßt und als bereichernd empfunden.